Leon Lubing

Das Land der Formen


„Auch als Mathematiker bin ich der Ansicht, dass das ideale Element ein Wundermittel wäre, das aus allen
Schwierigkeiten hilft.“

Abu Jafar Muhammad ibn Musa al-Tao

 

Als Kambo die Wolkenleiter hinaufstieg, erschien am Himmel eine lange Reihe von Regenbogen. Die
Regenbogen begannen über unserem Dorf und staffelten sich in gleichmäßigen Abständen bis zu der Stelle
im Norden, an der Himmel und Erde miteinander verschmolzen. Mit zunehmender Entfernung wurden die
Regenbogen immer kleiner und blasser, bis sie in der Helligkeit des Tages schließlich völlig verschwanden.
Ihr Anblick versetzte Kambo so in Erregung, dass sie ein wenig ins Schwanken kam. Aber zum Glück besaß
sie die sensibelsten und trittsichersten Füße von uns allen, weshalb sie von den verschiedenen Sippen unseres
Stammes auch ausgewählt worden war. Daher fand sie ihr Gleichgewicht schnell wieder. In der Sprosse der
Wolkenleiter, auf der sie fester aufgetreten war, blieb lediglich eine dunkle Delle zurück. Und weil die
Sprosse aus Wolkendunst bestand, begannen nach kurzer Zeit einige Wassertropfen aus ihr herauszusickern
und sich an ihrer Unterseite zu sammeln. Erst eine Ewigkeit später fielen sie zur Erde hinab. Die Gefahr war
abgewendet und Kambo setzte ihren Aufstieg fort. Ihre orangefarbenen Fußsohlen sprangen im Wechsel
weiter Stufe um Stufe hinauf und sahen dabei aus wie zwei fröhliche Meerbrassen. Auch wir, die wir unten
standen und ihr zusahen, atmeten erleichtert auf. Man muss nämlich wissen, dass der meiste Niederschlag
der Regenzeit gerade in diesen Tagen niederging. Kam nach dem Regen die Sonne wieder hervor, dann
trieben am Himmel zwar immer noch eine Menge Wolken, aus denen man Wolkenleitern bauen konnte, doch
unter ihnen eine geeignete Streifenwolke zu finden, war alles andere als einfach. Zunächst musste die
Wolkenleiter lang genug sein: War ihr eines Ende mit dem Boden verbunden, musste ihr anderes noch bis an
den oberen Rand des Himmels reichen. Zweitens durften die Abstände zwischen den Leitersprossen nicht zu
groß sein, damit man überhaupt hinaufklettern konnte. Und schließlich – auch das war wichtig – mussten die
Wolken der Leiter den richtigen Umfang besitzen, egal, ob sie nun als Stege oder als Holme dienten. Waren
sie zu dick, konnte es passieren, dass der Kletternde hoch und immer höher stieg, bis er an eine Stelle kam,
an der er weder vor noch zurück konnte. Er blieb dann quasi dort kleben, bis ihn schließlich der Wind
mitsamt der Leiter wer weiß wohin blies. Waren die Wolken dagegen zu dünn, bestand jederzeit die Gefahr,
dass eine der Sprossen durchbrach und der Kletternde aus halber Höhe hinabstürzte. Davor konnten ihn dann
auch noch so trittsichere Füße nicht schützen.
In diesem Jahr hatten wir enormes Glück gehabt, denn wir hatten eine absolut perfekte Wolkenleiter ge-
funden. Selbst Adou, unser Stammesoberhaupt, dessen Kinn ein weißer Haarkranz schmückte, weil er der
Älteste von uns war, meinte, dass er sein Lebtag noch keine so ideale Leiter gesehen habe. Hätte er Füße wie
Kambo, dann wäre er höchstpersönlich hinaufgestiegen. Auch Sango, der sein Haar zu kleinen Zöpfen
geflochten trug und im Palast gleichzeitig als Musikmeister und Koch arbeitete, hielt den Fund der Leiter für
ein glückliches Omen. Als er sah, dass Kambo außer Gefahr war, gab er ein kurzes Zeichen, und all die
vielen Menschen auf dem Platz begannen ihre Trommeln zu schlagen. Sango war gewissermaßen ihr
Dirigent. Ein Dirigent in Hochstimmung, denn den gedämpften Kuchen, der sich in Kambos Tasche befand,
hatte er eigenhändig zubereitet. Dazu hatte er Reis von bester Qualität zu Pulver zermahlen und mit frischen
Essbananenscheiben sowie kleinen Herings- und Hammelfleischstücken vermengt. Weil der Kuchen so
lecker schmeckte, hatte Kambo am Ende nur den kleineren Teil mit nach oben genommen. Der größere Teil
war dagegen rechtzeitig, also in noch warmem Zustand, in Sangos eigenem Magen gelandet. Sango hatte der
Versuchung einfach nicht widerstehen können. Mir hatte er übrigens nichts von seinem Kuchen angeboten,
obwohl wir beide uns so gut kannten.

Jetzt auf dem Platz dirigierte er mit vollem Einsatz, während die Menge unter ihm auf die Trommeln schlug,
dass es nur so dröhnte, denn sie wollte ihn nicht bloßstellen. Weil aber auch viele Mitglieder von anderen
Stämmen gekommen waren, konnten sich die Spieler auf keinen gemeinsamen Takt einigen, und selbst das
Tempo stimmte nicht. Sango, der letztlich nur sinnlos mit seinen Armen herumfuchtelte, wirkte wie ein Idiot.Ich stand mitten in der Menge und gab mir alle Mühe, die Trommeln zumindest einigermaßen zu koordinieren. Aber es war aussichtslos, da es gerade den Frauen im mittleren Alter, die immer wieder in laute Holala-Rufe ausbrachen, nur um ihren eigenen Spaß ging. Ob sie im Takt blieben oder nicht, war ihnen egal. Vor allem Timas Herrin, also meine Stiefmutter Sanyu, die so dick ist wie ihre Trommel, schlug weiter wild auf ihr Instrument ein und übertönte damit mindestens drei oder vier Spieler neben ihr. Ihr Schlagrhythmus war ebenso wirr wie ihre Pilzkopffrisur, und dabei schnitt sie anderen Leuten sogar professionell die Haare! Ich nahm mir vor, ihre Dienste nicht weiter in Anspruch zu nehmen, sondern in Zukunft direkt zu Tima zu gehen. Es heißt, dass sie Sangos über siebenhundert Zöpfchen ganz alleine geflochten hatte, womit sie einen kompletten Tag beschäftigt war. Sango tat danach noch volle drei Tage der Nacken weh, aber dafür sah er toll aus. Selbst Sanyu musste zugeben, dass ihre kluge und begabte Dienerin Tima auch geschickte Finger hatte.

Tima ist anders als wir, denn ihre Vorfahren kommen aus dem fernen China. Dort haben die Menschen eine
gelbe Haut. Seltsam, nicht wahr? Nicht schwarz, wie man es erwarten würde, sondern gelb wie Lehmerde. In
Timas Familie hat die Haut durch die intensive Sonneneinstrahlung im Laufe der Generationen allerdings
eine dunkelgelbe Färbung angenommen, vielleicht weil sie schon so lange hier lebt. Selbst wenn Tima im
Schatten eines Baumes steht, leuchtet ihre Haut noch, dass es einen blendet. So wie andere Frauen auch
schnallt sie sich außerdem gerne Beinschienen aus Messing um. Wenn sie in der prallen Sonne herumläuft,
sieht sie daher aus wie eine Statue aus Gold, die sich bewegen kann. Eine ihrer weiblichen Vorfahren war die
Zofe eines Geschäftsmannes. Als dieser mit einer großen chinesischen Flotte nach Malindi kam, erhielt er
vom dortigen König eine Giraffe zum Geschenk, woraufhin er dem König als Gegengabe seine Zofe
überließ. Generationen später geriet Tima in die Fänge eines arabischen Sklavenhändlers aus Äthiopien, der
gerade einen Raubzug in den Süden machte und sie als Beute mit sich nahm. Von ihm wurde sie zunächst an
einen Ägypter verkauft, der sie anschließend an einen Mauren weiterverkaufte. Monatelang ging sie durch
viele Hände, bis sie zuletzt bei uns, den Aschanti, landete. Sanyu entdeckte sie auf dem Markt, fand Gefallen
an ihr und erwarb sie für vier Eisenstangen. Wäre das nicht passiert, so hätte man sie sicher bald auf ein
Schiff verfrachtet und nach Kuba gebracht …