Gottfried Wilhelm Leibniz

Vorwort zu »Novissima Sinica«


Das Neueste von China zur Erhellung der Geschichte unserer Zeit

Gebracht wird darin ein nach Europa übermittelter Bericht über die nun erstmals staatlich zugelassene Verbreitung des Christentums. Weiter werden viele bisher unbekannte Informationen gegeben: über die Förderung der europäischen Wissenschaften, über die Sitten und Gebräuche des Volkes und die moralische Einstellung vor allem des Herrschers selbst sowie über den Krieg der Chinesen mit den Russen und ihren Friedensschluss.

1. Durch eine einzigartige Entscheidung des Schicksals, wie ich glaube, ist es dazu gekommen, dass die höchste Kultur und die höchste technische Zivilisation der Menschheit heute gleichsam gesammelt sind an zwei äußersten Enden unseres Kontinents, in Europa und in Tschina (so nämlich spricht man es aus), das gleichsam wie ein Europa des Ostens das entgegengesetzte Ende der Erde ziert. Vielleicht verfolgt die höchste Vorsehung dabei das Ziel – während die zivilisiertesten (und gleichzeitig am weitesten voneinander entfernten) Völker sich die Arme entgegenstrecken –, alles, was sich dazwischen befindet, allmählich zu einem vernunftgemäßeren Leben zu führen. Und es geschieht nicht durch Zufall, glaube ich, dass die Russen, die durch ihr riesiges Reich China mit Europa verbinden und den äußersten Norden des unzivilisierten Gebiets entlang den Küsten des Eismeeres beherrschen, unter dem tatkräftigen Bemühen des jetzt regierenden Herrschers selbst wie auch durch den ihn mit Ratschlägen unterstützenden Patriarchen, wie ich gehört habe, dazu angehalten werden, unseren Errungenschaften nachzueifern.

2. Nun zum chinesischen Reich: China nimmt es schon an Größe mit Europa als Kulturlandschaft auf und übertrifft es sogar in der Zahl seiner Bewohner, es weist aber auch noch vieles andere auf, in dem es mit uns wetteifert und bei nahezu »ausgeglichenem Kriegsglück« uns bald übertrifft, bald von uns übertroffen wird. Aber um den Vergleich auf das Wesentliche zu konzentrieren (denn um alle Aspekte zu behandeln, bedürfte es einer zwar nützlichen, aber gleichwohl langwierigen und hier nicht angebrachten mühevollen Untersuchung): In den Fertigkeiten, deren das tägliche Leben bedarf, und in der experimentellen Auseinandersetzung mit der Natur sind wir – wenn man eine ausgleichende Gegenüberstellung vornimmt – einander ebenbürtig, und jede von beiden Seiten besitzt da Fähigkeiten, die sie mit der jeweils anderen nutzbringend austauschen könnte; in der Gründlichkeit gedanklicher Überlegungen und in den theoretischen Disziplinen sind wir allerdings überlegen. Denn außer in der Logik und Metaphysik sowie in der Erkenntnis unkörperlicher Dinge Wissenschaften, die wir mit Fug und Recht als die uns eigenen beanspruchen – zeichnen wir uns sicherlich bei weitem in der gedanklichen Erfassung der Formen aus, die durch den Verstand vom Stofflichen abstrahiert werden, d.h. in der Mathematik, wie man in der Tat feststellen konnte, als die Astronomie der Chinesen in einen Wettstreit mit der unsrigen trat. Sie scheinen, nämlich jene große Erleuchtung des menschlichen Verstandes, die Kunst der Beweisführung, bisher nicht gekannt und sich mit einer Art aus der Erfahrung gewonnener Mathematik begnügt zu haben, wie sie bei uns weithin Handwerker beherrschen. Auch in Kriegskunst und -wissenschaft befinden sie sich hinter unserem Stand – nicht so sehr aus Unkenntnis als vielmehr in bewusster eigener Absicht, da sie nämlich alles verachten, was bei den Menschen Aggression erzeugt oder fördert, und weil sie – beinahe in Nacheiferung der höheren Lehre Christi, die nicht Wenige missverstehen und bis zur Ängstlichkeit übertreiben – Kriege verabscheuen. Sie würden damit weise handeln, wenn sie allein auf der Erde existierten; unter den jetzigen Verhältnissen aber läuft es darauf hinaus, dass auch rechtschaffene Menschen die Techniken, anderen Schaden zuzufügen, pflegen müssen, um nicht alle Macht des Bösen auf sich zu ziehen. In diesen Bereichen sind wir also die Überlegenen.

3. Aber wer hätte einst geglaubt, dass es auf dem Erdkreis ein Volk gibt, das uns, die wir doch nach unserer Meinung so ganz und gar zu allen feinen Sitten erzogen sind, gleichwohl in den Regeln eines noch kultivierteren Lebens übertrifft? Und dennoch erleben wir dies jetzt bei den Chinesen, seitdem jenes Volk uns vertrauter geworden ist. Wenn wir daher in den handwerklichen Fertigkeiten ebenbürtig und in den theoretischen Wissenschaften überlegen sind, so sind wir aber sicherlich unterlegen – was zu bekennen ich mich beinahe schäme – auf dem Gebiet der praktischen Philosophie, ich meine: in den Lehren der Ethik und Politik, die auf das Leben und die täglichen Gewohnheiten der Menschen selbst ausgerichtet sind. Es ist nämlich mit Worten nicht zu beschreiben, wie sinnreich bei den Chinesen – über die Gesetze anderer Völker hinaus – alles angelegt ist auf den öffentlichen Frieden hin und auf die Ordnung des Zusammenlebens der Menschen, damit sie sich selbst so wenig Unannehmlichkeiten wie möglich verursachen. Es ist eine sichere Tatsache, dass die größten Übel den Menschen durch sich selbst und voneinander wechselseitig entstehen, und nur allzu wahr ist der Spruch, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist. Es handelt sich dabei um eine große Torheit speziell unsererseits, die aber auch ganz allgemein für die Menschen gilt: Obwohl wir schon so vielen Unbilden der Natur ausgeliefert sind, häufen wir uns selbst noch Elend dazu auf, als ob es anderswoher fehlte.

4. Wenn irgendeine Nation für dieses Übel – auf welche Weise auch immer – ein Heilmittel geschaffen hat, so sind sicherlich die Chinesen im Vergleich zu den übrigen zu einer besseren Regelung gekommen und haben in ihrer riesigen Menschengemeinschaft beinahe mehr erreicht als bei uns die Gründer religiöser Orden in ihrem engen Kreis. So groß ist die Gehorsamkeit gegenüber den Höherstehenden, so groß die Ehrerbietung gegenüber den Älteren und von solcher beinahe religiösen An die Sorge und Verehrung der Kinder gegen über ihren Eltern, dass ihnen gegenüber etwas Krankendes auch nur durch ein Wort hervorzurufen den Chinesen nahezu unerhört und fast – wie bei uns der Vatermord – als sühnebedürftiges Verbrechen erscheint. Ferner gibt es zwischen Gleichgestellten oder solchen, die einander relativ wenig verbunden sind, staunenswerten Respekt und einen vorgeschriebenen Kodex von Höflichkeitspflichten, der uns – die wir freilich zu wenig gewohnt sind, nach einem Grundsatz und Regeln zu handeln – etwas Unterwürfiges an sich zu haben scheint der ihnen aber durch ständige Anwendung zur Natur geworden ist und gerne befolgt wird. Die chinesischen Bauern und Bediensteten (das ist von unseren Landsleuten mit Staunen beobachtet worden) betragen sich, wenn sie ihren Freunden Lebewohl sagen müssen oder sich nach einer langen Abwesenheit wieder des gegenseitigen Anblicks erfreuen, gegeneinander so liebenswürdig und so respektvoll, dass sie es mit den gesamten Umgangsformen europäischer Hochadeliger aufnehmen könnten. Was soll man da erst von den Mandarinen, was von den höchsten Staatsbeamten erwarten? So haben sie es erreicht, dass kaum jemand dem anderen im gemeinsamen Gespräch auch nur mit einem Wörtchen zu nahe tritt und ihnen selten Anzeichen von Hass, Zorn oder Erregung entgleiten. Bei uns dauert ein gewisser Respekt und vorsichtig abgewogener Gesprächston kaum – und nicht einmal das – in den ersten Tagen einer neuen Bekanntschaft an, sondern wird bald mit zunehmender Vertrautheit die vorsichtige Zurückhaltung abgelegt – was zwar ganz wie angenehme Freiheitlichkeit aussieht, woher aber bald Verachtung, bissige Worte, Zorneserregungen und schließlich Feindschaften herrühren; dagegen werden bei den Chinesen sogar Nachbarn, ja selbst Hausangehörige durch einen Rahmen von Gepflogenheiten so im Zaum gehalten, dass eine Art von gegenseitiger Förmlichkeit gewahrt bleibt. (…)