Friedrich der Große

Bericht des Phihihu, Sendboten des Kaisers von China in Europa


Erster Brief

Erhabener Kaiser, Stern des Lichtes, Wunder unserer Tage, Trost Deiner Sklaven, o Du, dessen Fußschemel zu küssen ich nicht wert bin! Deinem Gebot gemäß habe ich die große Reise unternommen, die Du mir auftrugst. Ich kam mit Pater Berteau in Konstantinopel an, ohne dass uns unterwegs irgend ein Leid geschehen wäre. Konstantinopel ist zwar eine sehr große Stadt, aber sie reicht doch nicht an Peking heran. Hier herrscht ein neuer Türkenkaiser, der vor kurzem seinem Oheim auf dem Throne gefolgt ist. Mit Erstaunen erblickte ich bei diesem Volke große Augen und Bärte, die Wäldern gleichen. Alle Europäer sollen ebenso sein; ich zweifle aber, ob sie besser sehen als wir. Die Bärte tragen sie, wie man mir sagte, um sich ein weises Ansehen zu geben. Bei einem Spaziergang in Pera sah ich ein Tier mit Hörnern, das nach seinem Bart zu urteilen weiser sein musste als alle jene Leute. Ich fragte, ob es in großem Ansehen stünde. Da hätte man mich fast gesteinigt, und ich rettete mich mit meinem Jesuiten in das Haus eines Gesandten, der zwar keinen Bart hatte, mir aber ebenso menschlich erschien, wie meine Steiniger mir wild dünkten. Nach diesem Abenteuer hielt ich ein längeres Verweilen in einem Lande, wo man fremde Frager so übel aufnimmt, nicht für geraten.
Wir fanden ein Schiff, das nach Italien segelte. Pater Berteau und ich bestiegen es. Unterwegs sah ich nichts Bemerkenswertes als die Kanonen der Dardanellen. Sie sind so groß, dass eine chinesische Familie in ihrem Bauch bequem wohnen könnte. Man versicherte mir, es sei ein großer Beweis von Höflichkeit, sie für einen Fremden lösen zu lassen, und der Gipfel der Ehre sei, sie mit Kugeln zu laden. Ich gestehe Dir, erhabener Kaiser, ich war hocherfreut, dass ich auf Deinen Befehl inkognito reise; denn das hat mich bei dieser Gelegenheit vor einer großen Gefahr behütet.
Wir fuhren durch ein ziemlich schmales Meer, das Europa von Afrika trennt, und nach vierzehntägiger Schifffahrt landeten wir glücklich in einem Hafen namens Ostia. Ich war verwundert über eine Menge von Dingen, die von allem, was man in Deinem unermesslichen Reiche sieht, völlig verschieden sind, insonderheit die Sitten und Gebräuche der Europäer, die sich mit nichts vergleichen lassen . Pater Berteau redete mir zu, nach der Hauptstadt Europas zu reisen. Ich fand es fürwahr nicht lohnend, die kleinen Städte zu besuchen. Ging ich aber nach der größten, so fand ich dort das Original, von dem die andren nur Abbilder sind.
Rom ist für die Europäer das gleiche, was Tibet für die Mandschus und die mongolischen Tataren ist. Dort residiert der große Lama, ein Priesterkönig. Man versicherte mir, seine geistliche Macht erstrecke sich weiter als die weltliche, und wenn er eine gewisse Formel sage, so erbebten die Könige auf ihren Thronen. Ich wollte es nicht glauben und fragte einen alten Bonzen, mir dem ich Bekanntschaft machte, ob die sonderbare Behauptung wahr sei.
»Sehr wahr«, sagte er. »Um Ihnen jedoch nichts zu verhehlen, muss ich Ihnen gestehen, dass die gute Zeit vorüber ist. Vor fünfhundert Jahren galten gewisse mystische Worte, die unser heiliger Oberpriester aussprach, soviel wie Beschwörungen und ließen nach unsrem Belieben Kronen und Zepter fallen. Dies Vergnügen haben wir nicht mehr, aber wir besitzen andre Mittel, die uns doch noch immer Ansehen bei den Großen verschaffen und sie in ziemlich starke Bedrängnis bringen.« – »Welch sonderbares Vergnügen«, fragte ich, »macht es Ihnen denn, derart Unfrieden in Ländern zu stiften, über die Sie keine Gerichtsbarkeit haben?« – »Keine Gerichtsbarkeit!« erwiderte er. »Wie? Haben wir denn nicht die geistliche Gerichtsbarkeit über alle Seelen? Die Könige haben Seelen, folglich …« – »Ach!« rief ich, »Ihre Meinung würde in Peking nicht gelten. Unsre erhabenen Herrscher haben auch Seelen. Sie sind aber fest überzeugt, dass sie ihnen selbst gehören und dass sie darüber nur dem Tien Rechenschaft schulden.« – »Das ist«, entgegnete der Bonze, »just die Ketzerei derer, die sich von der Kirche getrennt haben.« – »Was ist Ketzerei?« fragte ich. – »Die Meinung aller, die nicht so denken wie wir.« Ich konnte mir nicht versagen, ihm entgegenzuhalten, ich fände es scherzhaft, dass er von jedermann verlangte, seine Meinung zu teilen. Denn als der Tien uns schuf, habe er jedem besondere Züge, einen besonderen Charakter und eine besondere Art, die Dinge zu sehen, gegeben. Wenn man also nur in der Übung der sittlichen Tugenden einig sei, käme es auf das übrige wenig an.
Mein Bonze versicherte mir, er merke, dass ich noch sehr chinesisch sei. »Das will ich zeitlebens bleiben«, erwiderte ich ihm.»Wissen Sie, in unsrem Lande hätten die Bonzen es schlecht, wenn sie so denken wollten wie Sie. Man erlaubt ihnen, Halseisen zu tragen und sich so viele Nägel in den Hintern zu stoßen, als es ihnen Spaß macht. Im übrigen mögen sie so grämlich sein, wie sie wollen: sie haben nicht die Macht, einem Sklaven das Leben sauer zu machen, und täten sie es, man zahlte es ihnen gehörig heim.« Mein Bonze erwiderte mit betrübter Miene, er sähe zu seinem großen Leidwesen, dass wir verdammt würden. Denn es gäbe kein Heil für solche, die die Bonzen nicht blindlings verehrten und nicht gedankenlos alles glaubten, was sie zu sagen beliebten.
ich weiß nicht, ob das die Privatmeinung des Mannes war, mit dem ich sprach, oder der allgemein befolgte Glaube. Bei der kurzen Zeit, die ich hier verweile, habe ich es noch nicht ermitteln können. Ich bitte Dich demütigst, Dich ein wenig zu gedulden, und Du wirst mit den Berichten Deines Sklaven zufrieden sein. (…)