Luo Lingyuan

Ein Geburtstags-Ei

 

Im Pfefferminzgarten der Realschule Shanggao steht alles still. Die Sonne brennt. Kein Windhauch ist zu spüren. Nur aus der Ferne ist das ewige Sommerlied einer Zikade zu vernehmen.
Am Fuß der Gartenmauer erwacht ein kleines Mädchen. Es blickt sich um: Kein Mensch ist zu sehen. Nur die Blätter der Pfefferminze breiten sich wie ein grünes Meer vor ihm aus. Es springt auf, zupft die hellgrünen Triebe der Pflanzen heraus und steckt sie sich in den Mund. Als es genug davon gegessen hat, fährt es mit den Händen über die Blätter und schaut zu, wie die Sonnenstrahlen zwischen den Pflanzen tanzen. Das macht ihm so viel Spaß, dass es anfängt, in die hüfthohen Pflanzen zu schlagen. Blätter fliegen um das Kind herum, die Luft riecht frisch.
Plötzlich wird die Kleine am Arm gepackt. Ohne sich umzudrehen, versucht das Mädchen sich mit einem Ruck zu befreien. Doch es gelingt ihm nicht.
»Feifei, komm nach Hause! Auf der Stelle!«
Es ist nicht die Stimme des Schulgärtners, sondern die ihrer Mutter, Chen Zhaodi. Das Mädchen erstarrt und lässt sich widerstandslos aus dem Garten ziehen. Erst als sie den Sportplatz erreichen, lässt die Mutter ihr Kind los.
Um fünf Uhr nachmittags ist die Schule beendet. Doch viele Jugendliche spielen noch in der heißen Nachmittagssonne. Am Rande des Fußballfeldes begegnet die Mutter des Mädchens, die als Chemielehrerin arbeitet, einigen ihrer Schüler. »Guten Tag, Lehrerin Chen.«
»Guten Tag«, erwidert diese mit einem aufgesetzten Lächeln.
Kaum ist die Lehrerin vorbeigegangen, schauen die Schüler hinter ihr her. Sie stammt aus Shanghai; ihre straffen Beine in Strumpfhosen wirken hier ungehörig und fremd, denn in dieser Stadt trägt keine andere Frau eine durchsichtige Hose. Es gibt hier auch keinen Laden, in dem so etwas zu kaufen wäre.
Doch heute sind die ihr folgenden Blicke nicht auf ihren stolzen Gang gerichtet, sondern sie wandern zwischen dem Kind und der erwachsenen Gestalt hin und her – das Mädchen ist mager, seine Kleidung ist schmutzig und sein Haar ist zerzaust. Es erweckt den Eindruck, als wäre es ein Straßenkind, das unterernährt ist. Die Erwachsene dagegen ist gut gepflegt. Ihr Minirock lässt ihre weibliche Konturen zur Geltung kommen, und ihr schulterlanges Haar glänzt wie ein schwarzer Spiegel. Als die Schritte der Kleinen sich verlangsamen, gibt ihr die Mutter einen leichten Schlag auf den Rücken. Ein Schüler flüstert seinem Kameraden zu: »Die mit dem Wackelarsch wird wieder ihr Kind verprügeln.«
Nach zwanzig Minuten erreicht Chen mit Feifei den Lehrerwohnbereich. Zwischen zwei Blocks spielt ihr vierjähriger Sohn Shaohua mit Gleichaltrigen ein Steinchenspiel auf dem Boden. Die Mutter ruft ihn nicht. Sie geht direkt auf den Eingang ihrer Drei-Zimmer-Wohnung zu.
In der Wohnung angekommen, schließt sie das Kinderzimmerfenster und zieht den Baumwollvorhang zu. Ohne ein Wort zu sagen, dreht sie sich zu ihrer Tochter um und gibt ihr eine Ohrfeige.
Feifei hält sich den Arm vor das Gesicht. Die Mutter packt sie mit beiden Händen an den Schultern und schüttelt sie.
»Sag mir sofort, wo du dich gestern die ganze Nacht versteckt hast, du elendes Miststück!«
Als Chen keine Antwort auf ihre Frage bekommt, sondern nur ein Weinen und Jammern hört, schlägt sie wahllos auf den Körper des Mädchens ein. Nach vier, fünf Minuten fällt Feifei zu Boden. Ihre nach oben gerutschte Kinderbluse gibt am Taillenbereich den Rücken frei. Die dünne Kinderhaut ist von rot und violett schimmernden, kleinen Wundnarben übersät, als wäre sie dem Angriff einer Ameisenarmee zum Opfer gefallen.
»Hab nur vergessen, nach Hause zu kommen. Hab nichts getan«, jammert Feifei.
»Ja, natürlich!«, keucht Chen. Sie nimmt einen dünnen Bambusstab in die Hand, setzt sich auf einen kleinen Hocker und zieht Feifei die Hose aus. Die Schenkel des Kindes weisen große blaue Flecken auf. »Dein Vater ist durch die ganze Stadt gelaufen, und ich, deine Mutter, habe vergeblich etliche Familien aufgeweckt. Wir wollten alle nur dich finden! Und du, du hast nichts getan? Natürlich hast du nichts getan!« Sie drückt den Stab auf eine der blauen Stellen und bohrt. Feifei schreit, kriecht auf allen Vieren unter das Bett und versteckt sich dort hinter einem Koffer.
Die Wohnungstür öffnet sich. Gai Shitao betritt mit einem Stapel Schulhefte unter dem Arm das Wohnzimmer. Er lässt den Stapel auf den Esstisch fallen und läuft sofort ins Kinderzimmer. Seine Frau schiebt gerade einen Schilfbesen unters Bett, um die Tochter auszuscheuchen. »Na endlich! Wie habe ich sie überall gesucht!«, ruft der Mann in Shanghai-Dialekt. Er atmet auf.
»Hol sie aus dem Versteck heraus und brich ihr die Beine, sonst läuft sie gleich morgen früh wieder von zu Hause fort!« Chen drückt ihrem Mann den Besen in die Hand, während Feifei ununterbrochen weint.
»Du kriegst kaum noch Luft … Mach jetzt eine Pause.« Der Mann wirft den Besen auf den Boden, holt ein weißes Taschentuch aus der Hosentasche und tupft seiner Frau die Schweißperlen von der Stirn. Dann schiebt er sie ins Wohnzimmer und gießt ihr ein Glas Wasser aus einer Porzellankanne ein. »Hat sie gesagt, wo sie heute Nacht war?«
»Glaubst du, die hat ein Wort für uns übrig? Wir laufen uns die Füße nach ihr wund, aber sie hat uns schon längst vergessen. Für sie sind wir Luft«, klagt die Frau. »Wenn die Schulärztin sie nicht im Pfefferminzgarten gesehen hätte, wäre sie jetzt noch woanders. Und heute Nacht müssten wir dann wieder nach ihr umherirren.«
»Wirklich? Sie wollte heute auch nicht nach Hause kommen? Lass’ mich mal sehen.« Allein ins Kinderzimmer zurückgekehrt, wirft der Mann mit einer einzigen Handbewegung die dünne Strohmatte gegen die Wand. Sie gibt die Sicht auf eine Holzpritsche frei, die aus drei breiten Holzbrettern in Kniehöhe besteht. Als der Mann zwei Bretter an die Wand gelehnt hat, erscheint hinter einem verstaubten Koffer der zusammengekrümmte Rücken der Tochter. Er greift mit einer Hand nach ihr, zieht sie ein wenig hervor, drückt sie mit dem Gesicht nach unten auf das Bettgestell. Schon versetzt er ihr mit der anderen Hand Hiebe auf den nackten Hintern.
Nach kurzer Zeit hat sich Feifeis Hinterteil in zwei rote Bälle verwandelt. »Sag, wo du geschlafen hast!«
»Unter der Olz … brüü …«, schluchzt Feifei.
»Unter der Holzbrücke? Ich lasse dich noch mal lügen!« Die linke Hand des Mannes drückt wieder fest auf den kleinen Körper.
»Ich habe nicht gelogen. Die verrückte Frau war mit mir zusammen!«, schreit das Mädchen.
»Was? Du hast bei so einer Obdachlosen geschlafen?« Die Mutter nähert sich der Tür des Kinderzimmers. »Ist das nun der Dank dafür, dass ich dich unter Schmerzen geboren habe? Du bist eine Schande!« Sie wendet sich an ihren Mann: »Schlag sie, bis sie schwört, es nie wieder zu tun!«
Gai Shitao lässt seine rechte Hand erneut mechanisch – wie in Trance – auf das Mädchen herunterschnellen. Das Bettgestell ächzt. Auf dem Boden bildet sich eine kleine, schaumige Pfütze aus Feifeis Nasenschleim und Speichel.
Nach einer Weile fragt der Vater: »Wagst du es noch einmal, von zu Hause wegzulaufen?«
»Nein«, krächzt Feifei.
Der Vater: »Schwörst du, dass du nie wieder zu dieser verrückten Frau gehen wirst?«
»Ja.«
Gai lässt die Tochter los. Sie fällt kraftlos zu Boden und zuckt, als wäre sie elektrisiert. Der Vater geht aus dem Kinderzimmer und zieht die Tür hinter sich zu. (…)