Zhu Wen

Duanli in der alten Stadt Nanjing


Jetzt können wir endlich nach Herzenslust über Duanli reden. Denn sie ist am Himmel in diesem Augenblick, am Himmel! Sie hat zwei Beruhigungstabletten genommen und liegt, eingewickelt in eine Decke, in bewusstlosem Schlummer. Aus ihrem Mund hängt ein glänzender Speichelfaden. Für niemanden überraschend hat sie heute Mittag um halb eins eine Maschine der Air France mit der Flugnummer 285 von Peking nach Paris bestiegen. Ihre Flugnummer kenne ich deswegen so genau, weil ich für sie das Flugticket in Verwahrung genommen hatte. Und es haben ihr viele von uns dabei geholfen, auf dieses Ticket aufzupassen. Immer bevor Duanli mit dem Trinken anfing, musste sie ihren Pass und ihr Flugticket demjenigen übergeben, dem sie in diesem Moment am meisten vertraute. Erst dann konnte sie beruhigt und bis zur Bewusstlosigkeit so viel in sich hineinschütten wie sie wollte. Nie zuvor habe ich eine Frau getroffen, die so fröhlich trinken konnte wie sie. Ach, Duanli! Wollte man all diesen Alkohol aus Tränen bilden, dann hätte keine Frau auf dieser Welt mehr Wasser zum Weinen. Anfangs trank sie, weil und sooft es ihr Spaß machte, ohne je genug davon zu bekommen. Und wenn sie ihre letzten Gläser leerte, fand sich immer ein Gentleman, der bewusst zurückgeblieben war und geduldig auf sie wartete. Der sie dann nach Hause brachte und dort für sie sorgte, bis sie aufwachte, beide sich liebten oder er ihr noch bei einem kleinen Schluck Gesellschaft leistete. Später kam so etwas nicht mehr in Frage. Denn nachdem wir mit ansehen mussten, wie sich Duanli beim Trinken immer sonderbarer verhielt, begannen wir, uns unter Vorwänden davonzuschleichen. Und als sie dann wirklich in den Kneipen und billigen Nachtlokalen versumpfte, war oft niemand mehr an ihrer Seite. Aber sie ist ein eigensinniger und stolzer Mensch. Sie strengte sich an und fand allein den Weg nach Hause. Ein paar Mal schlief sie den Rest der Nacht im Treppenaufgang zu ihrer eigenen Wohnung. Ein paar Mal wäre sie beinahe vom Auto überfahren worden. Ein paar Mal eskortierte sie eine Polizeistreife nach Hause. Ein paar Mal wurde sie von einer Gruppe kleiner Ganoven heimbegleitet, die gerade aus der Disko kam. Und ein Mal hätte sie fast ein simpler, stämmiger Taxifahrer, der die Gelegenheit ausnutzte, zwei Mal vergewaltigt. Trotzdem gab sich Duanli weiterhin standhaft, ja empfindungslos, vergoss keine Träne. Sobald sie aber zurück in ihrer Wohnung war und die Tür hinter ihr zuging, konnte sie nicht länger durchhalten. Szene für Szene zogen dann mehr als zehn schwere Jahre ihres Lebens in Nanjing wie in einem Schwarzweißfilm an ihrem geistigen Auge vorüber, und ihre Traurigkeit überwältigte sie. Sie setzte sich dann an einen Tisch, knipste die Tischlampe an, stützte ihr Kinn auf die linke Hand und begann still zu weinen. Wenn sie weinte, war dabei nicht das geringste Geräusch zu hören. Stand man hinter ihr, sah es so aus, als sei sie in tiefes Nachdenken versunken, und je mehr sie nachdenke, desto tiefer versinke sie darin, und je tiefer sie versunken sei, desto weniger höre man sie. Wenn sie weinte, wischte sie nie ihre Tränen ab, aber trotzdem konnten keine auf den Tisch oder den Boden tropfen. Denn ihr Mund war sehr groß, noch größer, als man sich vorstellen kann. Und außerdem standen ihre Augen ziemlich nah beieinander, so dass alle Tränen, egal welchen Weg sie nahmen, zum Schluss immer in ihrem Mund landen mussten. Eben weil sie auf diese Weise nie eine davon einbüßte, hatte sie immer genug vorrätig, die sie fließen lassen konnte. Kugelrund und riesengroß waren ihre Tränen, und sie flossen sehr schnell und gleichmäßig. Wenn sie weinte, ließ sie sich nie gut zureden. Alle Versuche, sie aufzumuntern, waren da vergeblich. Ja, man konnte auf sie einreden, bis man schwarz wurde: Selbst die Fließgeschwindigkeit ihrer Tränen war dadurch nicht im mindesten zu beschleunigen oder zu bremsen. Nie zuvor habe ich eine Frau getroffen, die so ausdauernd weinen konnte wie sie. Ach, Duanli! Würden sich alle ihre Tränen in Alkohol verwandeln, dann könnte sich jeder Mann auf dieser Welt bewusstlos oder tot saufen. Am Himmel ist sie in diesem Augenblick, am Himmel. Und schätzungsweise durchquert sie gerade hoch in der Luft die Weiten Sibiriens, träumt von irgendwas und spricht ab und zu im Schlaf. Ob der Ort in ihrem Traum nun Paris oder Nanjing ist, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber wenn sie gerade im Schlaf redet, dann tut sie das ganz bestimmt im Nanjing-Dialekt, so viel ist sicher. Von uns Freunden spricht Duanli den ausgeprägtesten Dialekt. Unterhält sie sich zum Beispiel mit einem alten Schuster aus der Südstadt, könnte man beim ersten Hinhören meinen, sie sei eine alte Frau aus genau demselben Viertel. Dabei ist sie gar nicht aus Nanjing, ja sie kommt nicht einmal aus einem Vorort von Nanjing. Duanli kommt aus Sihong im Kreis Huaiyin, einer Stadt, in der Branntwein hergestellt wird und in der die Luft immer stark nach Trester stinkt. Dieser Geruch hat Duanlis Körper mit der Zeit durchdrungen. Natürlich kann man sie deshalb nicht direkt mit dem Trester vergleichen. Aber bevor man sie für ein wandelndes Glas Schnaps halten würde, wäre der Vergleich mit dem Trester schon treffender. Noch vor ein paar Jahren hatte sie gelegentlich auch Hochchinesisch gesprochen, meistens dann, wenn es um Kunst ging. Doch jedes Mal, wenn sie Hochchinesisch sprach, steigerte sie sich in eine starke innere Anspannung hinein, so dass ihr Nanjing-Akzent schließlich nur umso deutlicher zum Ausdruck kam.„Duanli, bring uns nicht zum Lachen“, meinte in einer solchen Situation mal jemand von uns, „komm, sprich lieber wieder Dialekt und quäl uns nicht.“Aber sie tat, als hätte sie nichts gehört, und redete auf Hochchinesisch weiter. So verhalf sie uns zu der Erkenntnis, dass dem Hochchinesischen und auch der Kunst immer ein Geruch nach Trester anhaftete.„Duanli, hast du gehört? Du sollst uns nicht quälen. Sprich wieder Nanjing-Dialekt!“Aber sie reagierte immer noch nicht und hielt hartnäckig am Hochchinesischen fest, wodurch sie uns in einem weiteren Schritt zu verstehen gab, dass auch von uns selbst der unangenehme Trestergeruch ausging, ja dass wir selbst wie Trester waren. Womit sie uns alle schwer beleidigte…