Luo Lingyuan

Der Liebesbaum


Es ist Samstag. Wie eine unversehens herbeigewehte Blume wandert Ling Xinyi in ihrem roten Mantel über den von kaltem Wind erfüllten Campus der Kölner Uni. Redend und lachend überquert sie mit ihrer Schwester Ling Guangyi den großen, grauen Platz mit den zusammengewürfelten Bauten und gelangt vor das riesige, altertümliche Hauptgebäude, wo Guangyi ihre Kamera zückt und die kleine Schwester fotografiert.
Xinyi wird das Gefühl nicht los, dass irgendjemand sie hinter ihrem Rücken die ganze Zeit über beobachtet. Sobald ihre Schwester das Foto geschossen hat, dreht sie sich um und bemerkt, wie hinter ihr ein Student hastig das Gesicht abwendet, um nicht beim heimlichen Zuschauen ertappt zu werden. Auch Guangyi hat den jungen Mann wahrgenommen. Haben sie sich zu laut unterhalten? Um niemand zu stören, gehen die beiden jungen Frauen jetzt mit eng aneinandergedrückten Schultern und unterhalten sich nur noch flüsternd. Aber Xinyis Gelächter lässt sich nicht unterdrücken. Wie ein warmer Luftstrom flattert es aus ihrem Mund in die kalte Luft. Gerade als die beiden Schwestern das Gebäude betreten wollen, stellt ihnen jemand auf Englisch eine Frage: „Hallo, Sie beide sprechen doch Chinesisch?“
Ling Xinyi hebt den Kopf und erblickt einen großgewachsenen Europäer von etwa dreißig Jahren. Sein feines Gesicht ziert eine Brille und seine blauen Augen blitzen, als er sie ansieht. Das ist genau der junge Mann, der sie eben noch heimlich beobachtet hat: ein freundlicher Büchermensch.
„Haben Sie etwa alles gehört, was wir gesagt haben?“, fragt Xinyi.
“Ach wo, ich kann kein Chinesisch. Ich habe nur früher schon Leute Chinesisch reden hören. Sie sind Touristin, oder?“, fragt der junge Mann und sieht Xinyi dabei an.
Xinyi ist klein und zierlich, ihre Schwester dagegen groß und stämmig. Sie wechseln einen Blick und lachen vergnügt. Die Wissbegierde des Büchermenschen gefällt ihnen. „Ich besuche meine Verwandten. Meine Schwester hat mich heute mitgenommen, damit ich mir den Campus ansehe“, sagt Xinyi.
„Ich komme auch nicht von hier. Ich bin aus Bochum. Ich soll für meine Schwester eine Wohnung suchen. Ich heiße Johannes.“ Er wendet sich höflich der älteren Schwester zu. „Sie kennen sich ja hier aus, darf ich vielleicht ein Stück mitkommen?“
Die beiden Schwestern finden es bemerkenswert, unter dem großen kalten Himmel auf einen solchen Menschen gestoßen zu sein, und so setzen die drei unter Gelächter ihren Spaziergang gemeinsam fort. Johannes gibt sich aufgeknöpft und erzählt ihnen, dass er aus Dortmund kommt, an der Universität Bochum in Biochemie promoviert und in diesem Jahr fertig wird. Er erzählt auch noch, dass er früher mal eine Freundin aus Singapur hatte.
Während er von sich erzählt, zeigt er deutliches Interesse an Xinyi. Dass sie gesprächig ist und gerne lacht, scheint ihm sehr zu gefallen. Er läuft neben ihr, stellt ihr viele Fragen und fixiert sie von Zeit zu Zeit mit seinen tiefblauen Augen. Sein Blick ist so auf sie konzentriert, dass ihr Gesicht leicht errötet, was aber auch mit dem kalten Wetter zu tun haben könnte. Nachdem sie eine Stunde gelaufen sind, hat Johannes bereits in Erfahrung gebracht, dass Xinyi 28 Jahre alt, ledig und derzeit bei einer Reederei in Shanghai als Organisationsassistentin beschäftigt ist. Ihr Besuch in Deutschland gilt ausschließlich ihrer in Köln lebenden Schwester und deren deutschem Ehemann.
Als es Mittag ist, unterhalten sich die drei bereits wie gute Bekannte. Johannes möchte noch einige Wohnungen besichtigen und schlägt daher vor, sich am Nachmittag in einem Café zu treffen und dort die Unterhaltung fortzusetzen. Xinyi findet ihn angenehm offen im Umgang und charmant. Außerdem ist sie bereits seit zehn Tagen in Deutschland und möchte außer ihrem Schwager gern noch weitere Deutsche kennenlernen. Daher ist sie mit dem Vorschlag sofort einverstanden. Guangyi, die sich mit Liebesdingen gut auskennt, hat bereits frühzeitig die wahren Absichten von Johannes erkannt und räumt den beiden daher taktvoll die Gelegenheit zu einem Rendezvous zu zweit ein.
Bislang weiß Xinyi noch nicht viel von Deutschland, und ihr Schwager ist der einzige Deutsche, mit dem sie länger geredet hat. Seine Liebesgeschichte mit ihrer Schwester kennt sie in- und auswendig: Die beiden haben sich kennengelernt, als der Ingenieur eine Chinareise auf eigene Faust machte. Er wollte seine erste Frau vergessen, die zu einem anderen Mann gelaufen war, und weit weg von Köln sein. Deswegen war er nach China geflogen.               Eines Tages verlief er sich in der Innenstadt von Chengdu und wusste nicht mehr weiter. Da kam die als Lehrerin arbeitende Guangyi zufällig vorbei, bemerkte die Verzweiflung des Ausländers und bot ihm ihre Hilfe an. Von diesem Augenblick an war der Deutsche in sie verliebt. Ein Jahr später holte er sie nach Deutschland und heiratete sie. Seither sind vier Jahre vergangen und immer noch begegnet Peter seiner chinesischen Frau voller Liebe. Während der Tage bei ihrer Schwester hat es Xinyi täglich mit eigenen Augen gesehen. Solche Fürsorge kennt sie nur von ihrem Schwager, bei chinesischen Männern – sei es ihr Vater, ihr Bruder oder ihre Kollegen – hat sie einen so zärtlichen Umgang mit Frauen noch nicht erlebt. Seither findet Xinyi die deutschen Männer sympathisch. Manchmal ertappt sie sich sogar bei dem Gedanken, dass sie auch gern so einen liebevollen Mann wie ihren Schwager zum Partner hätte. (…)