Luo Lingyuan

Die chinesische Delegation


1. Kapitel

»Hühnerfleisch kommt nicht auf den Tisch.«

»Alle Vögel sind schon da, alle Vögel alle«, trällert Song Sanya mit einer Stimme, die an leicht dahin schwebende weiße Wolken erinnert, und steigt als letzte in den wartenden Reisebus.
Die junge Chinesin mit dem geflochten Zopf wäre gern Sängerin geworden. Mit ihrer Stimme war sie schon früh aufgefallen und wurde mit zwölf zur Solosängerin der Tanz- und Gesangsgruppe ihrer Schule ernannt. Doch als das örtliche Konservatorium Ausschau nach jungen Talenten hielt und Interesse an Sanya zeigte, ließ sie der Direktor der Schule nicht gehen. Seiner Meinung nach war sie für eine Karriere als Sängerin nicht geeignet. Was genau dahinter steckte, hatte Sanya nie erfahren. Sie weinte tagelang heimlich und versuchte dann eine andere Begabung in sich zu entdecken. Zehn Jahre später kam sie nach Deutschland. Sängerin wurde sie hier auch nicht, aber eine schöne Stimme hat sie noch immer.
Der Motor brummt schon eine Weile. Während Sanya sich auf dem Beifahrersitz niederlässt, den Kopf stets zu den Gästen gewandt, gibt sie dem Fahrer das Startzeichen. Frank Wagner hat als Einziger im Bus blaue Augen.
Das Fahrzeug macht einen Ruck, löst sich aus der Warteschlange und rollt auf die Fahrbahn.
Im hinteren Bereich des Gefährts herrscht rege Tätigkeit. Die neunzehn Mitreisenden, zwischen dreißig und sechzig Jahre alt, sind dabei, ihr Handgepäck zu verstauen oder sich einen Sitzplatz zu suchen. Dabei reden sie Mandarin und ihren Heimatdialekt laut durcheinander, so dass der Raum voller erscheint als er ist. Doch kaum ist der Bus zehn Meter gefahren, da sitzen die Gäste auch schon ordentlich auf ihren Plätzen und schauen zum Fenster hinaus.
Nach Ansicht des Busfahrers ähneln sich die Passagiere wie eine Schar frisch geschlüpfter Küken. Alle sind gelbhäutig, schwarzäugig und von kleiner Statur. Und sie piepsen auch so wie Küken. Kurzum: Die Unterschiede zwischen den Gästen entgehen ihm völlig.
Nicht aber der Reiseleiterin neben ihm. Sie braucht nur einen einzigen Blick, um festzustellen, dass der größte Teil ihrer Landsleute Funktionäre oder Beamte sind, und ein kleiner Teil Manager. Manche stecken in Anzügen, andere sind leger gekleidet, einige scheinen eher schlichten Gemütes, andere sehen gebildet oder gar klug aus. Mit den meisten Reisenden wird sie gut auskommen, da ist sie sich sicher. Nur bei einem hat sie gewisse Zweifel. Das ist der Delegationsleiter, der ihr bei der Ankunft als Kommandant Wang vorgestellt wurde. Er lächelt nicht und hat einen fast unangenehm strengen Gesichtsausdruck.
»Sehr verehrter Kommandant Wang, sehr verehrte Damen und Herren«, spricht Sanya ins Mikrofon und lächelt dabei ein sonniges Lächeln. »Ich heiße Sie, die Delegation für Stadtentwicklung Ningbo, in Europa herzlich willkommen!«
Ihr Hochchinesisch klingt aus dem Lautsprecher, als riesele weicher Sand an einem mit Seide bespannten Abhang hinunter. Das Stimmengewirr im Bus legt sich. Alle sind still und lauschen.
»Mein Name ist Song Sanya. Ich komme aus Chengdu, lebe seit elf Jahren in Berlin und habe die große Ehre, Sie auf Ihrer Europareise begleiten zu dürfen.«
»Sind Sie die ganzen neunzehn Tage bei uns?«, will ein Mann in westlichem Anzug sofort wissen.
»Ja. Von Rom, unserer ersten Station, bis zur letzten, Paris«, antwortet die Reiseleiterin. »Ich führe Sie durch all die acht Staaten, die auf Ihrem Programm stehen. In Rom und Paris haben wir zusätzlich einen lokalen Führer, sonst sind Sie mit mir und unserem Fahrer allein unterwegs. Ich werde mir selbstverständlich die größte Mühe geben, damit Europa in Ihrer Erinnerung unvergesslich bleibt. Bitte scheuen Sie sich nicht, mich jederzeit zu fragen, auch wenn Ihre Frage Ihnen so klitzeklein wie ein Reiskorn vorkommt.«
»Wo ist denn Rom?«, kommt prompt die erste Frage. Dabei kneift der Fragesteller die Augen zusammen, um möglichst weit durch seine Brille und die Panorama-Windschutzscheibe des Busses zu sehen. Ein Flugzeug mit ausgefahrenem Fahrwerk rast auf sie zu, während hinter ihnen der Flugplatz zurückbleibt. »Ich sehe nur Felder.«
»Die Ewige Stadt ist fünfunddreißig Kilometer vom Flughafen Fiumicino entfernt«, antwortet Sanya. »Es ist jetzt 17:15 nach mitteleuropäischer Zeit. Heute ist der 13. April. Vorgestern hat Papst Johannes Paul II die Ostermesse gelesen. Hunderttausende Gläubige haben daran teilgenommen. Gestern war ebenfalls ein Feiertag, und die Römer sind zum Picknick ins Grüne gefahren. Heute kehren viele nach Rom zurück. Deswegen wird es möglicherweise einige Staus geben, aber wenn wir Glück haben, sind wir in einer Stunde in unserem Hotel.«
»Oh Himmel«, stöhnt eine Frau in einer blutroten Bluse aus Seide. Sie ist gut angezogen, und ihre weiße, glatte Haut lässt eine regelmäßige Pflege vermuten. »Wir haben vierzehn Stunden im Flugzeug gesessen, und jetzt noch eine Stunde im Bus? Ich breche gleich auseinander.«
»Wir flicken dich wieder zusammen, große Schwester Wu«, sagt ein stattlicher Mann mit pechschwarz glänzenden Augenbrauen. »Und deine Haare tauschen wir gegen blonde aus, damit dein Mann dir auch glaubt, dass du in Europa warst.«
»Das hättest du wohl gern, Brüderchen Qian. Aber darauf kann ich verzichten. Wer durch deine Hand geht, hat hinterher garantiert ein nach hinten gerutschtes Gesicht. Das wäre mir nicht so recht«, erklärt die Frau mit der roten Bluse kokett.
Einige Mitglieder kichern. »Keine Angst, Frau Wu«, sagt Sanya besänftigend. »Herr Wagner ist ein Fahrer mit ruhiger Hand. Er wird Sie wie auf einem Seidenkissen zu unserem Hotel fahren.«
Einige Businsassen lachen laut auf. Nur der Fahrer versteht kein Chinesisch. Deshalb fragt er wie aus einer anderen Welt: »Was hast du über Herrn Wagner gesagt?«
»Nur, dass du ein guter Fahrer bist.« Sanya kramt die Namensliste der Delegation aus ihrer Handtasche. Nun weiß sie, wer die Gruppe zum Lachen gebracht hat: Die Frau mit der roten Bluse ist Wu Jiamei, 42, Sektionsleiterin der Abteilung gegen illegale Bauten im Baureferat von Ningbo. Der Komiker heißt Qian Shengde, 36, und ist Abteilungsleiter im Amt für Stadtentwicklung.
Ein korpulenter Mann in einer der mittleren Reihen, der gleich zwei Sitzplätze braucht, rülpst vernehmlich. »Das Mittagessen ist mir irgendwie nicht bekommen. Diese fette weiße Soße drückt mir immer noch auf den Magen«, beklagt er sich bei seinem Nachbarn. Dann wendet er den Kopf zu Sanya und ruft laut herüber: »Fräulein Reiseleiterin, wir werden unterwegs nicht so oft westliches Essen zu uns nehmen müssen, oder?«
»Ach, großer Panda! Du änderst dich nie! Was musst du auch immer alles in dich hineinfressen?«, meldet sich ein Mann mit Bauerngesicht. »Du bist wie die Straßenköter, die lecken auch jede Scheiße vom Boden.«
Dem derben Vergleich folgt erneutes Gelächter. Doch der „große Panda“ scheint an solche Witze gewöhnt zu sein und ist nicht beleidigt. Sanya lächelt erleichtert. Nur gut, dass die Delegationsmitglieder so ungezwungen und so entspannt sind.
»Da wir durch demokratische Länder fahren, schlage ich vor, dass wir beim Essen die Demokratie auskosten«, erklärt sie. »Ich werde immer das bestellen, was die Mehrheit sich wünscht. Zum Beispiel morgen italienisch, übermorgen türkisch. Aber heute ist es schon zu spät für Demokratie, deswegen habe ich sicherheitshalber ein chinesisches Abendessen für uns bestellt.«
Sie schaltet das Mikrofon aus und wendet sich lächelnd dem Mann zu, der unmittelbar hinter ihr sitzt.
»Herr Kommandant Wang, wenn wir im Hotel sind, ist es ungefähr Viertel nach sechs. Wir lassen allen eine Viertelstunde Zeit, damit sie sich frisch machen können. Gegen halb sieben treffen wir uns dann im Foyer und gehen gemeinsam zum Restaurant. Nach dem Essen ist Freizeit. Ist das in Ordnung?«
Wang Jian, Stellvertretender Parteisekretär, Vizebürgermeister und Stadtbaurat von Ningbo, ist der ranghöchste Funktionär in der Gruppe. Mit dreiundsechzig Jahren ist er zwar der Älteste unter den neunzehn Mitgliedern, doch seine stattliche Gestalt und sein strenger Blick lassen ihn sehr viel jünger wirken. Die prägnanten Linien, die seine zusammengepressten Lippen formen, verleihen ihm einen Hauch von Unnahbarkeit.
»Wann wird es hier dunkel?«, kontert er mit einer Gegenfrage, den Blick auf den wolkenlosen blauen Himmel gerichtet.
»Gegen acht, glaube ich.«
»Dann machen wir nach dem Essen noch eine kleine Stadtbesichtigung mit dem Bus«, erklärt Wang.
»Das geht leider nicht«, erwidert die Reiseleiterin hastig. »Herr Wagner hat heute fast elf Stunden am Steuer gesessen, um den Bus von Innsbruck hierher zu fahren. Wenn wir im Hotel sind, muss er Feierabend machen.«
Wang würdigt weder den Fahrer noch die Reiseleiterin eines Blickes, sondern starrt durch die Windschutzscheibe hinaus. »Bei uns in Ningbo arbeiten wir von morgens um acht Uhr bis tief in die Nacht, manchmal sogar bis acht Uhr am nächsten Morgen. Wieso sind elf Stunden Autofahren schon zu viel für einen Deutschen?«
»Das ist gesetzlich geregelt, dass ein Busfahrer an einem Tag nicht mehr als zwölf Stunden fahren darf«, erklärt Sanya mit einem entschuldigenden Ton. »Aus Sicherheitsgründen.«
»Gesetz?« Kommandant Wang stößt verächtlich die Luft durch die Nüstern. Es klingt, als hätte erMissgeburt gesagt.
Sanya spürt, wie ihre Beine bis zum Magen kalt werden. »Das Hotel San Remo liegt mitten in der Stadt. Da gibt es gleich in der Nähe genügend zu sehen. Wenn Sie möchten, kann ich die Gruppe nach dem Abendessen noch durch die Gassen führen und dies und jenes zeigen«, sagt sie mit weicher Stimme.
Frau Wu, die nicht weit hinter Wang sitzt, hat einiges von dem Gespräch mitbekommen. »Oh ja, wir können ja einkaufen gehen. Gibt es da schicke Läden?«
»Die Läden in der Altstadt sind alle sehr schön«, sagt Sanya. »Einkaufen können wir allerdings nur bis acht.«
»Wieso?«, will Frau Wu wissen.
»Weil die meisten Läden dann schließen«, entschuldigt sich Sanya.
Frau Wu überlegt. »Können wir dann nicht das Essen verschieben?«
»Wenn die anderen damit einverstanden sind …«, sagt Sanya vorsichtig.
Frau Wu versucht es gleich mit einer Abstimmung. »Wer ist dafür, dass wir erst um halb neun essen?«, ruft sie laut in den Bus.
Zwei Männer murmeln leise dagegen. Aber Frau Wu hat zwei weitere Frauen auf ihrer Seite, und die haben lautere Stimmen. »Die Mehrheit hat sich für einen Einkaufsbummel entschieden«, erklärt Frau Wu mit strahlendem Gesicht. »Kommandant Wang, was sagst du dazu?«
»Dann verschieben wir das Essen auf Viertel nach acht«, beendet der Kommandant die Debatte.
Fünf der Delegationsmitglieder sind Frauen. Vier davon freuen sich auf den Einkaufsbummel, nur die fünfte sitzt allein in einer Reihe am Fenster und starrt mit gleichgültiger Miene hinaus. Sie ist sehr viel teurer angezogen als die anderen Frauen, doch ihre Augenbrauen sind immer zusammengezogen, als spürte sie einen ständigen Schmerz.
Während Sanya über die Mitreisenden nachdenkt, hört sie den Kommandanten abrupt sagen: »Der Bus muss ausgetauscht werden.«
Sanya glaubt, sie hat sich verhört. »Wie bitte? Warum denn?«
»Ein Bus mit einer solchen Nummer ist nicht gut für so eine Reise«, sagt Herr Wang mit großer Entschiedenheit.
»Was für eine Nummer?«
»Die auf dem Nummernschild.«
Sanya fragt Frank nach dem Kennzeichen. Es lautet: B-CM 9044. Sofort versteht sie. Vier – das klingt auf Chinesisch so ähnlich wie Tod. Und eine doppelte Vier bedeutet gleich sicherer Tod. Kein chinesischer Autobesitzer würde sich so eine Zahlenkombination geben lassen. Unglücklicherweise klingt die Zahl 9044 im südlichen Dialekt sogar noch schlimmer: Sie klingt wie fest vernagelter Doppeltod. Was soll man dagegen sagen?
Sanya kaut auf der Unterlippe. Dann fällt ihr etwas ein. »Wir sind hier in Europa. Und ‚vier’ klingt doch auch wie ‚probieren’. Vielleicht will die Nummer uns sagen, wir sollen unterwegs neue Dinge probieren.«
»Sehen Sie zu, dass diese Nummer so schnell wie möglich verschwindet«, sagt Wang. Die Härte seiner Stimme duldet keine Widerrede.
»Tut mir leid«, murmelt Sanya schwach, als hätte sie den ganzen Tag nichts gegessen. »Ehe wir nicht in Berlin sind, können wir leider keinen neuen Bus bekommen!« Um die Stimmung zu retten, fügt sie schnell hinzu: »Aber das sind ja nur ein paar Tage. Die gehen schnell vorbei. Ich werde sofort meinen Chef anrufen und ihm sagen, dass wir ab Berlin unbedingt einen Bus mit einer besseren Nummer brauchen.«
Stille kehrt ein. Nur das eintönige Fahrgeräusch umgibt die Anwesenden. Doch es dauert nicht lange, bis sich der Kommandant erneut hören lässt. »Gerichte mit Hühnerfleisch kommen nicht auf den Tisch. Und das gilt nicht nur für heute, sondern für die ganze Reise.«
Die Art und Weise, wie dieser Mann mit ihr spricht, lässt Sanya innerlich beben. Doch sie lässt sich nichts anmerken. »Darf ich Sie fragen, warum?«
Der Parteisekretär gibt sich keine Mühe, der jungen Frau etwas zu erklären. Er ist gewöhnt, Befehle zu erteilen, aber nicht Fragen zu beantworten.
Neben Wang sitzt ein schlanker, etwas jüngerer Mann, der ein demütiges Lächeln im Gesicht trägt. Seine raue Haut lässt vermuten, dass er lange Zeit im Freien gearbeitet hat. Als die Stille zwischen dem Kommandanten und der Reiseleiterin zur Verlegenheit wird, meldet der schlanke Mann sich zu Wort: »In Südchina ist eine Hühnerpest ausgebrochen und hat schon einige Tote gefordert. Dabei ist SARS gerade erst ein Jahr vorbei.«
»Ja, richtig. Die Hühnergrippe, nicht wahr? Aber seien Sie ganz unbesorgt. Hier in Europa gibt es die nicht. Hier können Sie Hühnerfleisch essen.«
»Hühner bleiben weg vom Tisch«, sagt der Kommandant.
»Wie Sie wünschen«, sagt Sanya. Ihr wird immer klarer, dass es auf dieser Reise keine Demokratie geben wird. Sie wird nach Wangs Pfeife tanzen müssen, Krach mit dem Kommandanten kann sie sich nicht leisten. Sie muss Geld verdienen und Steuern bezahlen, sonst wird die Ausländerbehörde irgendwann ihre Aufenthaltserlaubnis nicht mehr verlängern.
Sanya presst die Lippen zusammen, als hielte man ihr einen Löffel Suppe mit einer zappelnden Fliege hin. Um nicht zu sehr als Verlierer dazustehen, versucht sie einen Scherz: »Der deutsche Kanzler Gerhard Schröder hat letzte Weihnachten eine Gans vor dem Schlachtmesser gerettet und wurde in allen Medien gefeiert. Vielleicht heißt es am Ende unserer Tour: Chinesische Delegation rettet Hunderten von Hühnern das Leben.«
Der alte Mann lässt sich kein Lächeln entlocken. »Was ist für morgen geplant?«
Sanya schlägt die Augen nieder. Dass der Kommandant sie beim Sprechen nicht ansieht, irritiert sie. »Das Besichtigungsprogramm für morgen hat der örtliche Führer zusammengestellt. Er holt uns um neun im Hotel ab.«
»Halb acht oder acht wäre besser.«
»Tut mir leid. Es ist grundsätzlich so festgelegt, dass die örtlichen Führer um neun Uhr ihre Arbeit aufnehmen.«
Als sie Wangs Gesicht sieht, versucht Sanya sofort, dem Gespräch eine Wendung zu geben. »Aber am ersten Tag einer Europareise ist es gar nicht so schlecht, ein bisschen später anzufangen. Sie brauchen alle einen erholsamen Schlaf, um sich an die hiesige Zeit anzupassen.«
»Che«, sagt Wang mit nicht zu überhörendem Spott. »Was sagst du dazu, Gao Rui? Zuhause haben alle gesagt, in kapitalistischen Ländern wären die Leute flexibel, und der Kunde sei König.«
Der hagere Nachbar des Kommandanten nickt eifrig. »Das ist ja klar wie eins plus eins: Wir sind viel flexibler als die ausländischen Teufel.«
Sanya sucht unauffällig die Namensliste ab. Gao Rui, 46, Geschäftsführer des Bauunternehmens Biaoshen steht auf der Liste. Die Altersangabe macht sie ein wenig stutzig. Der Mann sieht mindestens wie Mitte fünfzig aus.
»Wenn unsere Gäste das wünschen, schicken wir unsere Chauffeure um sechs los!«, fährt Wang fort. »Das nenne ich Kundendienst!«
Sanya errötet.
»Fräulein Song, der örtliche Fremdenführer ist doch auch Chinese, oder?«, wendet sich Gao an Sanya. »Wollen wir Chinesen die Sache nicht unter uns regeln?«
Irgendetwas an dem Mann rührt Sanya. Er sieht aus, als hätte er einiges hinter sich. »Wissen Sie, Herr Gao, ich bin seit vier Jahren Reiseleiterin«, erklärt sie mit sanfter Stimme. »Sie können mir glauben, dass ich schon einige Male versucht habe, die örtlichen Führer hier umzustimmen. Aber sie haben sich alle auf neun Uhr festgelegt. Da ist nichts zu machen.«
Gao lehnt sich nachdenklich in seinem Stuhl zurück. »Che«, macht Kommandant Wang. Wieder dieses messerscharfe, höhnische che. »Ich sage dir, der Westen ist faul und verdorben.« Er schaut weg und macht damit deutlich, dass sein Interesse erloschen ist.
Sanya nimmt das Mikrofon und wendet sich an die Gruppe. Kaum hat sie das Programm für diesen und den nächsten Abend bekannt gegeben, spürt sie die Unruhe in den hinteren Sitzreihen. Aber ehe die ersten Beschwerden laut werden, fängt sie an zu erzählen:
»Der deutsche Dichter Goethe war einer der bekanntesten Männer, die Italien bereist haben«, erzählt sie. »Er hat ein ganzes Buch darüber geschrieben, das zu den schönsten der deutschen Sprache gehört.« Im nächsten Moment springt sie von Goethe zu Julius Caesar und entführt ihre Zuhörer in die Antike. Es dauert keine Minute, und die Gäste lauschen Sanyas Stimme, als wäre sie Scheherazade. Wie es scheint, haben alle denselben Wunsch: dass die Geschichte nie zu Ende geht. (…)