Zhu Wen

Schickt alle Armen ins Reich der Träume


Viele kennen es sicher aus eigener Erfahrung: Man sitzt auf dem Fahrrad, fährt durch die Gegend, passt kurz nicht auf und es macht rums. Personenkollision. Und schon ist der Ärger da, für andere und einen selbst. Das ist dann ein bisschen so wie bei Erkältungen, irgendwann fängt sich jeder eine ein, ohne sich große Gedanken darüber zu machen. Will Mensch von A nach B, gibt es für ihn seit jeher vier Wahlmöglichkeiten. Nummer eins: Er läuft oder kriecht dorthin. Nummer zwei: Er schwimmt. Voraussetzung ist, dass er vorher schwimmen gelernt hat. Nummer drei: Er fliegt. Man klammere sich fest an den Hals eines Schwans und erteile ihm genaue Anweisungen, wohin die Reise gehen soll. Die letzte Möglichkeit ist die am meisten verbreitete: Man rollt an das gewünschte Ziel.
Einteilen lässt sich diese Fortbewegungsart in zwei Hauptgruppen, das motorisierte und das nicht motorisierte Rollen. Während das motorisierte Rollen je nach Zahl der vorhandenen Pferdestärken und Zylinder bei genauem Hinsehen in mehrere Unterkategorien zerfällt, kennt die Gruppe der nicht motorisierten Rollarten zwei Varianten, die mit menschlicher und die mit tierischer Zugkraft. Mit welcher man es im Einzelfall zu tun hat, erkennt man unter anderem daran, dass eine der beiden Antriebsquellen auf die Straße scheißt, wo und wann es ihr gerade passt. Alle Rollweisen besitzen jedoch eine Gemeinsamkeit: Die Bewegung im Raum erfolgt unter Zuhilfenahme eines oder mehrerer Räder. Der entscheidende historische Schritt, mit dem sich der Fortschritt der Menschheit beschleunigte und seither nicht mehr zum Stillstand kam, war der von zwei Beinen zum Rad. Mittlerweile jedoch habe selbst ich, ein einfacher Kesselarbeiter in einem Elektrizitätswerk, das deutliche Gefühl, dass wir völlig hilflos auf das Ende der Welt zusteuern.
Einmal, als ich mit dem Sicherheitshelm auf dem Kopf und dem Schraubenschlüssel in der Hand wie ein kleines Mädchen beim Pilzesuchen durch unseren Stahlwald lief, versuchte ich mir vorzustellen, was meine nackten Vorfahren Adam und Eva im Garten Eden wohl mit ihrer Zeit angefangen hatten. Dass sie von nichts eine Ahnung und dort auch nichts zu tun gehabt haben sollen, ist wirklich kaum zu glauben. Plötzlich hatte ich eine Eingebung. Nicht ein Apfel hätte an jenem Baum der Erkenntnis hängen sollen, sondern ein golden glänzendes Rad. Nur leider steht in allen Ausgaben der Bibel klar und deutlich, dass es ein Apfel gewesen ist und kein Rad, was ich schon ein wenig enttäuschend finde. Mehr als die christliche Religion sprechen mich daher bestimmte Bilder aus dem Buddhismus an, zum Beispiel das Rad der Wiedergeburt. Was dieser Begriff genau meint, spielt hier keine Rolle. Wichtig ist, dass ein Rad darin vorkommt, denn wo das der Fall ist, ist man nicht weit von der Wahrheit entfernt. Im mittelalterlichen Europa glaubten viele Leute an die Vorstellung vom Glücksrad. Auf Anweisung Gottes dreht ein Typ mit Flügeln an einer großen Kurbel, mit der er die Sterne der sieben Planetengötter im Uhrzeigersinn rotieren lässt. Deren jeweilige Position hat dann Einfluss auf Glück und Unglück in der Menschenwelt. Mir persönlich ist diese Theorie ein bisschen zu simpel und erinnert mich an die uralte chinesische Kunst der Glückstagebestimmung – verschiedene Wege, dasselbe Ziel. Ob sichtbar oder unsichtbar, Räder kommen überall vor. Ihre Bewegung ist ebenso vollkommen wie geheimnisvoll, und sie haben etwas Teuflisches an sich …
Weil Räder wesentlich schneller sind als zwei Beine und auch schwerer zu kontrollieren, sehen wir Menschen uns manchmal mit ebenso zwangsläufigen wie unerwarteten Folgen ihrer Drehung konfrontiert, einfacher ausgedrückt, mit Verkehrsunfällen. Einige Leute vertreten die Ansicht, die asiatische Finanzkrise oder der Golfkrieg seien solche ›Verkehrsunfälle‹, und erst recht der Zweite Weltkrieg, der als Mega-Verkehrsunfall für immer im kollektiven Gedächtnis der Menschheit haften wird. Ich liebe solche Erklärungen. An ihnen ist schon deswegen etwas dran, weil sie mit Fahrzeugen und Rädern arbeiten. Für den Juli 1999 sagte Nostradamus voraus, dass unser Planet in einen desaströsen Verkehrsunfall hineinschliddern wird. Dazu will ich mich aber nicht weiter äußern, da uns besagter Tag X schon in Kürze ins Haus steht.
Geht man übrigens dem Ursprung der Krankheit, die in den letzten zwanzig Jahren unseres Jahrhunderts am meisten Angst und Panik verbreitet hat, nämlich AIDS, genauer auf den Grund, so stellt man fest, dass auch ihre Verbreitung mit Rädern zu tun hat. Denn ohne Räder gäbe es kein feinmaschiges Verkehrsnetz, das es den Leuten ermöglicht, selbst an weit entfernten Orten Sex zu haben, wodurch die Chancen, sich mit AIDS anzustecken, natürlich ganz erheblich steigen.

Doch befassen wir uns lieber mit den gewöhnlichen Verkehrsunfällen des Alltags, da wir durch sie die großen Verkehrsunfälle besser verstehen lernen. Nach meiner Erfahrung kommt es zwischen Rollern und Gehern leicht zu Konflikten, in denen sich die Geher gewohnheitsmäßig als Opfer betrachten. So ist es nicht verwunderlich, wenn die Geher die Roller nicht ausstehen können, denn dass die Räderlosen die Leute auf Rädern hassen, ist etwas ebenso Natürliches wie der Hass der Armen auf die Reichen. Auch innerhalb der Gruppe der Roller gibt es Trennlinien. Die Nicht-Motorisierten verachten die Motorisierten, und die mit zwei Rädern verachten die mit vier. Selbst die motorisierten Roller auf vier Rädern grenzen sich noch untereinander ab: Die mit einem chinesischen Xiali hassen die mit einem VW Santana, die Santana-Fahrer hassen die Audi-Fahrer, die wiederum die Mercedes-Fahrer, und so weiter. Mit einem Wort, wo Räder ins Spiel kommen, ist der Ärger programmiert. In der Familie der Roller bin ich ein eingeschworenes Mitglied der nicht motorisierten Zweiradklasse. So möchte ich an dieser Stelle meinen Drahtesel vorstellen, der mich bereits elf Jahre meines Lebens begleitet. Es ist ein schwarzer Phönix 28. Er hat weder Klingel und Schutzblech noch Ständer und Rückbremse, dafür aber eine Vorderbremse. Und er gehört zu jenen klapprigen alten Rädern, die man unabgesperrt auf dem Vorplatz eines Bahnhofs abstellen kann, ohne dass sie gestohlen werden. Trotzdem besitzt es ein Sicherheitsschloss allerneuesten Typs, das mich eine Stange Geld gekostet hat und zu dem meine Kollegen einmal spöttisch bemerkten, es sei wohl das Schloss, das ich mit dem Fahrrad vor Diebstahl schützen wolle, und nicht umgekehrt. Aber um für meinen Gefährten ein gutes Wort einzulegen: Natürlich gab es Zeiten, in denen auch er einmal jung und hübsch gewesen ist. Unter dem Gewicht meines Körpers leistet mir mein Phönix nun schon seit vielen Jahren treue Dienste und trägt mich sicher und bequem, wohin ich will.
Kürzlich hörte ich von einem Aufruf der Regierung. Weil Postboten oft unter Hodenödemen und Prostataentzündungen als Berufskrankheiten leiden, sollen für diese Aufgabe in Zukunft nur noch Frauen eingestellt werden, die ja bekanntlich weder Hoden noch Prostata besitzen. Ich halte es für einen großen Unfug, die Schuld für diese Beschwerden den Fahrrädern anzulasten, denn solange man auf seine Sitzhaltung achtet, bekommt man auch keine Probleme. Ich zum Beispiel radle nun schon seit elf Jahren, und bald wird mein Fahrrad seinen Geist aufgeben, mir aber geht es nach wie vor prächtig. An das Zufußgehen hingegen bin ich gar nicht mehr richtig gewöhnt. Vor allem die Kniegelenke fühlen sich wacklig an, so dass ich unbeholfen mal schwer und mal leicht auftrete wie ein Kind, das gerade laufen lernt.
In China, dem Königreich der Fahrräder, nimmt das Phänomen, dass die beiden Beine dem eigenen Willen nicht mehr gehorchen, besonders gravierende Ausmaße an, weshalb wir es im Fußball auch nie zu Höhenflügen gebracht haben. Betont werden muss aber, dass es sich dabei um Evolution und nicht etwa um Degeneration handelt. Darwins Theorie folgend könnte man sich die Zukunft der Menschheit so vorstellen, dass unsere Beine ganz allmählich verkümmern werden, um ein noch bequemeres Hin- und Herrollen zu ermöglichen, bis sie sich schließlich in zwei niedliche, feurige Räder verwandelt haben.
Westliche Experten haben übrigens in Untersuchungen aufgezeigt, dass die männlichen Sexualorgane aller Säugetiere (inklusive des Menschen) im Zuge der Veränderung ihres Lebensumfelds immer kleiner werden und zur großen Beunruhigung vieler Zeitgenossen auch die Fortpflanzungsfähigkeit rapide im Sinken begriffen ist. Meiner Meinung nach gehören diese Dinge jedoch zu einem ebenso notwendigen wie unvermeidlichen Entwicklungsprozess. Wenn also jemand, wie ich, der überwältigenden Mehrheit der nicht motorisierten Zweiradklasse angehört, wird er ganz bestimmt zu genau derselben Erkenntnis kommen: dass nämlich das Fahrradfahren zu einer ziemlich unangenehmen Angelegenheit werden würde, wenn jenes Organ noch ein wenig größer wäre. So sind die Erfordernisse des täglichen Lebens die eigentlichen inneren Antriebskräfte der Evolution. Und sollte das Ende der Welt noch auf sich warten lassen, statt wie vorhergesagt im Juli 1999 einzutreffen, dann wird in künftigen wissenschaftlichen Lehrbüchern sicher einmal Folgendes zu lesen sein: So wie der Hals der Giraffe immer länger wurde, damit sie auch die Blätter in den höheren Etagen der Bäume fressen konnte, schrumpfte das männliche Fortpflanzungsorgan immer mehr, um sich dem Leben auf Rädern besser anzupassen, bis es sich zuletzt in die Bauchhöhle zurückzog. Im Laufe eines endlos langen Entwicklungsprozesses war die Menschheit damit endlich auch ihren zweiten Schwanz erfolgreich losgeworden.
Das Wohnheim, in dem ich lebe, liegt zwei Bushaltestellen von meinem Arbeitsplatz entfernt. Genau die richtige Distanz also, um mit dem Fahrrad zu fahren. Zwischen den beiden Haltestellen liegt ein steiler Hang, der ungefähr die halbe Strecke des Weges einnimmt und den die Einheimischen Daxie-Hügel nennen, da die Haltestelle auf der Anhöhe Daxinzhuang und die am Fuß des Hangs Xiejiadian heißt. Seine Steigung schätze ich auf etwa 25 Prozent. Fahre ich zur Arbeit, geht es den Hang hinunter, während ich nach Feierabend den Hang wieder hinauf muss. Natürlich bereitet es grundsätzlich großes Vergnügen, einen Hang hinunterzufahren, aber auf dem Weg zur Arbeit bin ich immer in Hetze, aus Angst mich zu verspäten. Daher fehlt mir die rechte Stimmung, die Freuden des Hinabgleitens wirklich zu genießen, während ich mich nach einem mühevollen Arbeitstag immer völlig niedergeschlagen fühle, was das Erklimmen des Hügels zu einer einzigen Qual macht. Dann wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass das Wohnheim und mein Arbeitsplatz einmal die Plätze tauschen könnten.
Auch in meinem Leben würde ich am liebsten so einiges umstellen, wenn das nur machbar wäre. An Tagen, an denen ich stimmungsmäßig auf dem Tiefpunkt bin und mein Körper über kein Quäntchen Kraft mehr verfügt, fahre ich den Hang nur bis zur Hälfte hoch, bevor ich absteige und mein Rad auf wachsweichen Beinen den Rest des Weges hinaufschiebe. Dann kommt mir der Steilhang immer wie der Rücken eines riesigen Wals vor, der durch die grenzenlose Dunkelheit des Ozeans treibt. Nur eine einzige unvorsichtige Drehung seines Körpers würde genügen, und ich fände mein Grab in den Tiefen des Meeres. Aber da sieht man es wieder: Kaum steigt der Mensch von seinem rollenden Gefährt herunter und stellt sich mit beiden Beinen auf die Erde, neigt er auch schon dazu, von sich selbst gerührt zu sein.
Tatsächlich war es ein denkbar trivialer Zwischenfall gewesen, der sich auf dem Daxie-Hügel ereignet hatte, so trivial, dass er sich mit ein paar Sätzen wiedergeben lässt. Weder wurde ich von jemandem zerstückelt, noch habe ich selbst jemanden in seine Einzelteile zerlegt, sondern lediglich beim Hinunterfahren kurz den Arm eines alten Mannes gestreift. Aber dieser alte Mann und seine Familie streckten ihre Fangarme nach mir aus und bestanden – ich konnte einwenden was ich wollte – auf einer Untersuchung im Krankenhaus. Außerdem verlangten sie nicht nur die Untersuchung des Arms, sondern einen kompletten medizinischen Check-up, der zu dem Ergebnis führte, dass die Ärzte einen saubohnengroßen Tumor im Magen des alten Mannes entdeckten. Hatte er bis zu dieser schlechten Nachricht sein Leben in vollen Zügen genossen, gab er nicht lange danach den Löffel ab.
All das ist im Winter 1992 passiert. Seitdem sind sechs Jahre ins Land gegangen, aber noch immer muss ich manchmal daran denken, wie ich damals den Hügel hinuntersauste. Ob ich dabei wirklich gegen den Arm des Alten gestoßen bin, kann ich heute ebenso wenig mit Bestimmtheit sagen wie damals. Jedes Mal, wenn ich den Daxie-Hügel hinauf oder hinunter muss, drängen sich große Trauben von Fahrradfahrern auf der Straße. Fußgänger gibt es zwar auch, aber nicht viele. Eingekeilt im strömenden Verkehr sind sie nicht zu erkennen und werden erst sichtbar, wenn der brausende Heuschreckenschwarm auf Rädern vorbeigezogen ist. Dann sehen die wenigen Exemplare aus wie Getreidehalme, die das Glück hatten, dem Hunger der gierigen Insekten zu entgehen. Auch Zusammenstöße sind keine Seltenheit, jedoch ohne dass jemals viel Aufhebens darum gemacht wird.
Eines Abends, als ich gerade mühsam den Hügel hinaufstrampelte, stellte sich mir plötzlich ein zaundünner Typ in den Weg. Er trug eine schwarze Motorradbrille und hatte ein schweres Kettenschloss in der Hand.
»Absteigen!«, bellte er im Befehlston.
Als ich den typischen lokalen Akzent erkannte, fuhr ich innerlich zusammen. Hier war Ärger im Anzug. Unsere Fabrik lag in einem Industriegebiet, das sich aus einem kleinen Landstädtchen der Jiangbei-Region entwickelt hatte und für die rauen Sitten seiner Bevölkerung berüchtigt war. Auf dieses Viertel namens Dachang, das von Nanjing durch den Yangzi-Fluss getrennt wird, konzentrierte sich mittlerweile fast die gesamte Großindustrie der Stadt. Dahinter steckte die Absicht der Regierung, eine Ansammlung von großen Fabriken in eine moderne Satellitenstadt zu verwandeln. Ein natürlich miteinkalkulierter Vorteil bestand darin, dass auch eine noch so große Verschmutzung des Satelliten keinen nennenswerten Einfluss auf das Ökosystem des Planeten hatte, den er umkreiste. Fängt dann ein Satellit auch noch an, sich fröhlich um sich selbst zu drehen, wird aus ihm ein gigantisches, am Himmel rotierendes Rad, und wo es Räder gibt, folgen bekanntlich die Probleme hinterdrein. Abgesehen von den allgemeinen Schwierigkeiten, mit denen sich alle Entwicklungsländer herumschlagen müssen, hatte Dachang noch ein spezielles soziales Problem, nämlich seine rohen und ungeschlachten Bewohner, eine äußerst aktive lokale Mafia, zwischen deren einzelnen Banden es häufig zu bewaffneten Auseinandersetzungen kam.

Ich hielt abrupt an, stieg aber nicht vom Rad sondern stützte mich nur mit einem Fuß auf dem Boden ab.
»Was gibt’s?«, fragte ich gespielt gleichgültig.
Der zaundünne Kleiderständer nahm seine Brille ab, steckte einen der Bügel in ein offenes Knopfloch seines Hemds und deutete auf den Straßenrand. »Hier lang!« Ohne mich zu beachten, drehte er sich um und marschierte in die gewiesene Richtung.
Es war noch nicht lange her, da hatte jemand aus einer hiesigen Gang einen Uni-Absolventen, der in einem Stahlwerk in der Nähe gerade als neuer Mitarbeiter angefangen hatte, an der Straße abgepasst und von ihm eine Schachtel Zigaretten verlangt. Als der Uni-Absolvent nur eine einzelne Zigarette herausrücken wollte statt seiner ganzen Packung, zerrten ihn der Mann und mehrere andere Mitglieder der Gang in eine Toilette am Straßenrand, wo sie ihn brutal vergewaltigten. Wäre ich in eine ähnliche Situation geraten, hätte ich dem Typen sofort wortlos zwei Packungen in die Hand gedrückt.
Angespannt schob ich mein Rad hinter dem Kleiderständer her bis zum Eingang eines Nudelrestaurants. Die Reisbällchen, die man dort jeden Morgen bekommen konnte, hatten Biss, waren ziemlich lecker und großzügig portioniert, so dass ich auf dem Weg zur Arbeit manchmal anhielt und mir ein paar gönnte. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, runzelte der Kleiderständer die Stirn und befahl mir, mein Rad abzustellen. Er schaute verächtlich, als hätte ich seine Nerven bereits über Gebühr strapaziert.
»Sag mir einfach, was du willst«, bat ich ihn. »Ich kann mein Fahrrad schlecht abstellen, es hat keinen Ständer.«
Er warf einen kurzen Blick auf mein Rad und presste dann erstaunlich beherrscht zwischen den Zähnen hervor: »Kannst du es denn nicht an die Mauer lehnen?«
An dem, was er sagte, war war dran. Ich schob mein Fahrrad hinüber und stellte es an die Mauer des Restaurants. Der Kleiderständer kam in gemessenem Schritttempo nach, legte gemächlich das Schloss um das Rad, sperrte zu, zog den Schlüssel ab und steckte ihn in die Hosentasche. Er tat das alles so selbstverständlich, als wäre es sein eigenes Fahrrad. Dann ging er zu einer Holzbank im Eingangsbereich des Restaurants und setzte sich in aller Ruhe hin. Nachdem ich meine Fassung wiedergewonnen hatte, lief ich ihm hinterher.
»Warum hast du mein Fahrrad abgeschlossen?«, stellte ich ihn zur Rede.
Aber der Kleiderständer senkte nur seinen Kopf und zündete sich eine Zigarette an, als hätte er nichts gehört.
»He, du kleiner Hurensohn, du glaubst wohl, du kannst abhauen, was? Ich werd dir die Beine brechen, dann sehen wir, ob du noch weglaufen kannst!«
Die Stimme, die mich in diesem Augenblick von hinten anherrschte, klang wie ein kaputter Gong. Als ich mich umdrehte, erblickte ich einen alten, weißhaarigen Mann, der allerdings noch sehr kräftig zu sein schien. Mit dem Rücken gegen den Tisch gelehnt, saß er auf einem quadratischen Schemel, den Körper leicht nach links geneigt, wobei seine rechte Hand den linken Arm abstützte. Um seine Schultern hing eine speckige blaue Baumwolljacke. Sein Kopf war groß und rund wie ein Bambuskorb, und in seinem rotbraunen, finsteren Gesicht fielen vor allem die bohnenförmigen Augen auf, denen die Augenbrauen fehlten und die nach allen Seiten funkelnde Blicke aussandten. Sein stoppelkurzes, steil aufrecht stehendes Haar war vollkommen weiß, aber sehr dicht. Der spärliche, unregelmäßig gewachsene Schnauzbart hatte dagegen seltsamerweise noch die ursprüngliche schwarze Farbe. Alles, was der alte Mann unter seiner Jacke trug, war ein khakifarbener Pullover und darunter ein schmutziges weißes Hemd mit offenem Kragen. Um seine Mundwinkel hatten sich etliche weiße Speicheltröpfchen angesammelt. Verständnislos blickte ich erst zum alten Mann und dann wieder zum Kleiderständer. Während der Alte sprach, zitterte er am ganzen Körper, wobei er jeden Satz mit einem tiefen Gutturallaut beendete, wie um die Dringlichkeit seiner Worte zu unterstreichen. Tatsächlich klang es aber eher nach dem Bellen eines alten Hundes. Was er mir zu verstehen geben wollte, war, dass ich am Morgen bei der Fahrt den Hang hinunter seinen linken Arm gerammt hatte, der seitdem komplett bewegungsunfähig sei. Richtig zur Weißglut habe ihn aber gebracht, dass er nach dem Unfall aus Leibeskräften hinter mir hergerufen hatte, ich aber weitergeradelt sei und damit Fahrerflucht begangen habe. Ich konnte mich an nichts erinnern.
»Und Sie sind sicher, dass Sie mich nicht verwechseln?«, fragte ich ihn. Er starrte mich böse an.
»Ich mag mich vielleicht nicht an dich erinnern, aber wie dein Fahrrad aussah, das weiß ich noch ganz genau!«
Ich musste zugeben, mein Fahrrad verfügte über einige Besonderheiten mehr als ich, sodass mir nichts anderes übrig blieb, als noch mal intensiv nachzudenken, als läge mein Vergehen bereits offen zutage. Aber es wollte sich nicht die geringste Erinnerung einstellen. Ohne die stützende rechte Hand von seinem linken Arm zu nehmen, stand der alte Mann auf und zog die Schultern hoch, damit seine Jacke nicht herunterrutschte. Dann gab er mir einen Wink mit dem Kinn: »Komm mit.«
Wir überquerten hintereinander die Straße und stiegen auf der anderen Seite ein paar Schritte den Hang hinauf, bis der Alte stehen blieb und sich nach allen Seiten umsah.
»Ja«, sagte er. »Genau hier ist es gewesen.«
Ich warf einen kurzen Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite und stellte fest, dass der Kleiderständer uns nicht gefolgt war, sondern noch am Tisch des Restaurants saß, wo er abwechselnd rauchte und gierig eine Schale Nudeln in sich hineinschlang. Wieder und wieder spielte mir der alte Mann die Szene des vergangenen Morgens vor und redete sich dabei immer mehr in Rage. Speicheltropfen spritzten mir ins Gesicht, und langsam ging mir sein Gelaber mächtig auf die Nerven. Schließlich sagte ich überaus höflich:
»Verehrter alter Herr, hören Sie. Ich kann mich beim besten Willen nicht an einen derartigen Vorfall erinnern, und ich bin ganz aufrichtig zu Ihnen. Aber da Sie nun einmal so sicher sind und es sich nur um einen Bagatellschaden handelt, nicht wahr, nehme ich die Sache trotzdem auf meine Kappe. Was schlagen Sie also vor, wie wir die Angelegenheit aus der Welt schaffen sollen?«
Bei diesen Worten beruhigte sich der Alte zusehends. Er sah mich schräg von der Seite an.
»In welcher Fabrik arbeitest du?«, wollte er wissen.
»Im Elektrizitätswerk«, gab ich zur Antwort und bereute meine Ehrlichkeit sofort, da es momentan allen großen Unternehmen in Dachang wirtschaftlich nicht gerade rosig ging und nur unser Elektrizitätswerk eine einigermaßen stabile Auftragslage hatte, weshalb alle, die für das E-Werk arbeiteten, bei den Ortsansässigen als halbe Millionäre galten. Ich war deshalb nicht sehr überrascht, als mir der Alte nach kurzem Nachdenken seinen Preis nannte: 500 Yuan! Kaum hatte er ihn ausgesprochen, musste er unwillkürlich einen Schritt zurücktreten, was offenbar dem Rückstoßeffekt der enormen Summe geschuldet war. Der verdammte Alte hätte seinem Speichel mühelos sein Herz hinterherschicken können, so groß war sein gieriger Schlund. Ich kramte alles Geld, das ich bei mir hatte, aus der Hosentasche, einschließlich der Ein-Mao-Scheine; zusammen waren es knapp ein Dutzend Yuan.
»Sie sehen es selbst, ich bin kein Krösus. Und um ehrlich zu sein, ich muss mir an jedem Monatsende sogar Geld leihen, damit ich über die Runden komme.«
Während wir zum Restaurant zurückgingen, setzten wir unseren Disput fort.»Wie wäre es«, schlug ich vor, »wenn wir alle zusammen ins Krankenhaus gehen und ich die Kosten übernehme, egal wie hoch sie sind. Selbst wenn Ihnen der Arzt sagt, dass er Ihren Arm absägen und durch einen Oberschenkel ersetzen muss, werde ich dafür aufkommen, in Ordnung?«
Doch der Alte lehnte ab und bestand hartnäckig auf seiner Geldforderung. Trotz seines hohen Alters, argumentierte er, sei er noch nie in einem Krankenhaus gewesen und habe auch keine Lust dazu, dies jetzt nachzuholen. Mir fiel auf, dass der Kleiderständer sitzen blieb, wo er war, und sich ganz darauf zu konzentrieren schien, in seinen Zähnen herumzustochern, statt sich zu uns zu gesellen und dem alten Mann beizupflichten. Dies und sein Gesichtsausdruck machten den Eindruck, als würde er sich für die hohe Summe schämen, die der Alte von mir verlangte. Als es begann dunkel zu werden, hatte ich keine Lust mehr, mich weiter von ihm einwickeln zu lassen.
»Okay, dann habe ich eben Pech gehabt«, sagte ich. »Machen wir’s so, dieses Fahrrad da brauche ich nicht mehr. Ich schenke es Ihnen und wir sind quitt.«
Damit ließ ich ihn stehen und ging. Doch schon nach zwei Schritten hielt ich noch mal an, zog meinen Fahrradschlüssel vom Schlüsselbund und warf ihn dem alten Mann zu. Weder er noch der Kleiderständer folgten mir. Vermutlich war ihnen bewusst, dass sie zwar 500 Yuan gefordert hatten, aber bereits damit zufrieden sein konnten, ein ganzes Fahrrad herausgeschlagen zu haben. (…)